Parodien

 

 

Thomas Bernhard

 

Das Fernheizwerk

 

Von Simmering kommend erinnerte ich mich plötzlich an Klempner, den ich doch schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. An der Kreuzung Brandmayrgasse – Margarethengürtel fiel mir mit einem Mal Klempner ein. Naturgemäß war in all den Jahren die Erinnerung undeutlich geworden, wir hatten damals im Fernheizwerk Freudenau unser Ferialpraktikum absolviert, Klempner gezwungenermaßen, ich freiwillig, jeden Tag trafen wir uns bei derselben Straßenbahnhaltestelle, um frühmorgens in die Freudenau zu fahren, ich bewunderte an Klempner schon bald sein heiztechnisches Wissen, er begann, meine Kenntnisse der thermostatischen Elementarphilosophie zu schätzen, und so entstand eine tiefere Beziehung zwischen uns, ohne sogenannte Freundschaft zu werden, naturgemäß.

 

Seit meiner Kindheit im Lungau war ich am Heizungswesen zutiefst interessiert, bedingt durch die erbarmungslosen Winter, die ja im Lungau die allerkältesten sind, ja, nirgendwo in Europa sind die Winter kälter und frostiger als im Lungau, naturgemäß.

 

Klempner hingegen war in Wien aufgewachsen, in dieser vom katholisch-nationalsozialistisch-kubistischen Ungeist durch und durch und ganz und gar durchseuchten und also verdorbenen und zerrütteten Großstadt. Der wienerisch-bürgerlich-katholisch-nationalsozialistische Stumpfsinn und Unsinn war bis ins Fernheizwerk, wo wir arbeiteten, gedrungen und also gegenwärtig. Ich konnte keinen Schritt im Fernheizwerk machen, ohne sofort denken zu müssen, dass dieser Boden und diese Wände, ja dass die Türen und die Fenster vom nationalsozialistisch-katholisch-wienerischen Un-und Stumpfsinn durchdrungen sind. Dieser Gedanke ließ mich von dem Augenblick, da ich ihn zum ersten Mal gedacht hatte, nicht mehr los, sodass ich unfähig war, irgendeinen anderen Gedanken zu fassen und also die Heizkessel kalt blieben, naturgemäß.

 

©Benno Meliss 2011

 

 

Wie das Thema "Fasching" bei verschiedenen Autoren behandelt werden würde...

 

 

 

 

Heinz G.Konsalik: "...und lachte nie wieder"

 

Bengalisch waberten die letzten Flammen in dem von zwei vergoldeten Stangen flankierten, nicht allzu großen, doch gediegenen Kamin und warfen ihren blutigroten Schein auf Nataschas ebenholzfarbene Flechten, unter denen sich ein schwanenweißer Hals vielsagend bog.

 

Vor den Fenstern der Datscha blaute die Dämmerung des sibirischen Februars, als es plötzlich wie ein Peitschenknall durch Dr.Drömbergs Gehirn schoss. Boris! Ja - nun gerann die Ahnung zur Gewissheit; Boris.

 

"Cheute ist Faschingdienstag, Peter!" sagte Natascha mitten in die unheilvolle Stille seiner Gedanken. "Sei doch ein bisschen lustig!" - "Haha", sagte Dr.Drömberg. Da zerriss der Schuss aus Nataschas 87er Magnum die Stille und Dr.Drömbergs Zwerchfell.

 

Aus dem Kleiderschrank trat Boris, als Ölscheich verkleidet.

 

 

 

Thomas Bernhard: "Fasching. Eine Erheiterung."

 

Wenige Tage nach dem sogenannten Faschingdienstag dachte Salmhofer, während er von Jauregg durch den von allen nur als die Dorfgasse bezeichneten Weg zum Gasthaus des Franz Schücklgruber ging, dass die vor wenigen Tagen stattgefundene sogenannte Belustigung tatsächlich und in Wahrheit nichts anderes als eine Zumutung und Widerwärtigkeit gewesen sei. Gerade die von allen als solche wortwörtlich angekündigte Belustigung sei in Wahrheit nichts anderes als die niederträchtigste Belästigung gewesen, ja, die allgemein so bezeichnete Belustigung habe in die infamste und tatsächlich gemeinste Belästigung geführt, so Salmhofer, während er die Gaststätte erreichte, dann aber beschloss, sie doch nicht mehr zu betreten.

 

 

 

Friedrich Achleitner

 

kinder

 

o mei

 

o mei kinder

 

fasching

 

o mei

 

o mei fasching

 

kinderfasching

 

o mei o mei

 

 

 

Alois Brandstetter: "Innsbruck"

 

Der Fasching in Innsbruck ist ein bisserl lustig. Die Leute sind ein bisserl verkleidet. Manche sind ein bisserl betrunken. Die Musik ist ein bisserl laut. Der Fasching ist ein bisserl komisch für Innsbrucker Verhältnisse.

 

 

 

Ernst Jandl

 

ich wähle karn du wählst karn wir wählen karn sie wählen karn karnewahl

 

 

 

H.C.Artmann

 

noch an foschingdeasdog

 

san olawäu

 

de fenztabreln ogschbim

 

- ka musi mea in da schdod

 

und de floschnschdebsl schwimman in de lokn

 

mid da undaseidn in da hee...

 

noch an foschingdeasdog

 

san olawäu de fenztabreln ogschbim

 

owa mia san ole ben roschosschloffm

 

und kenans goa nimma segn

 

wia de floschnschdebsln so fakead daheaschwimman...

 

 

 

Peter Handke: "Begrüßung der Faschingsgilde"

 

Ich danke Ihnen allen, die Sie sich die Zipfelkappen übergestülpt haben. Ich danke überhaupt Ihnen allen, leilei, und bitte Sie zu bedenken, dass das Zwerchfell durch Heiterkeitsausbrüche erschüttert wird. Ich bitte Sie ernst zu bleiben und begrüße Sie. Ich sagte Sie sollen ernst bleiben. Es knistert bereits im Zwerchfell. Leilei. Erschüttern Sie das Zwerchfell nicht. Ich begrüße Sie! Ich begrüße Sie alle, die Sie um Ihre Faschingsorden kommen. Ich begrüße Sie alle und danke Ihnen. Leilei. Lei.

 

 

 

Landesschulrat für Tirol, Rundschreiben, betreffend die ordnungsgemäße Abwicklung des Faschingdienstags

 

Die Direktionen der allgemeinbildenden und berufsbildenden höheren Schulen werden hiemit ersucht, LehrerInnen und SchülerInnen folgende Verhaltensmaßregeln zur Kenntnis zu bringen:

 

Um wie jedes Jahr einen reibungslosen Ablauf der faschingsbedingten Heiterkeit zu gewährleisten, ist zu beachten:

 

1) Faschingsnasen sind grundsätzlich im Gesicht zu tragen

 

2) Ausnahmen zu dieser Regel können in gut begründeten Fällen von der jeweiligen Schulleitung verfügt werden. Die übergeordnete Dienstbehörde ist davon jedoch umgehend mittels Formblatt FD1-2 in Kenntnis zu setzen.

 

3) Insbesondere die Klassenvorstände werden ersucht, die Einhaltung der Nasenordnung zu kontrollieren. Unverschriftsmäßig angebrachte Nasen sind unverzüglich zu beschlagnahmen und vom Schulwart in Anwesenheit des Schulgemeinschaftsausschusses ordnungsgemäß als Sondermüll zu entsorgen.

 

 

Karl May, "Der Faschingsprinz"

 

Seit Tagen schon verfolgte ich die Spur meines Feindes durch die Prärie, doch so sehr dieser sich auch durch allerlei Winkelzüge bisher zu verbergen gewusst hatte - eines war sicher: ich, Old Kletterhemd, würde ihn am Ende doch seiner gerechten Strafe zuführen, wie ich es noch mit jedem der Schufte, die meinen Weg gekreuzt hatten, getan hatte.

 

Bereits am 12.Februar war mir in Stanford, wo ich bekanntlich nebenbei Vorlesungen über den doppelt verbogenen Dativ in altindianischen Dialekten hielt, zu Ohren gekommen, dass ein Subjekt unter dem Namen "der Ölprinz" den Westen unsicher machte. Dieser "Ölprinz" war aber in Wahrheit ein elender Schurke, der, als arabischer Scheich gewandet, schon dreimal versucht hatte, die friedlichen Rothäute durch wucherische Benzinpreiserhöhungen von 0,01-0,02 ct gegen den weißen Vater in Washington aufzuhetzen. Bis jetzt war zum großen Glück noch nichts geschehen, da die guten Indianer in ihrer kindlichen Unschuld den Weißen Vater in Washington mit dem Weißen Vater im Vatikan verwechselt und lediglch gedroht hatten, aus der Kirche auszutreten - aber jeder neue Versuch des Schuftes konnte das Fass zum Überlaufen bringen.

 

Für mich hieß es also, rasch zu handeln. Und ich hatte Glück, das des Tüchtigen nämlich. Kurz nach Tuscon, Arizona, entdeckte ich im hohen Präriegras eine Stecknadel mit dem eingravierten Schriftzug "Allah akbar rasul ibn rahimsaid", was soviel heißt wie "Allah akbar rasul ibn rahimsaid" und auf Komantsche etwa bedeutet "komo tonaga ischti-wah chattanooga". Nun hatte ich also endlich die Spur des Ölprinzen gefunden!

 

In gestrecktem Galopp durchmaß ich die Prärie, vereitelte dabei drei Eisenbahnüberfälle, löschte zwei Steppenbrände, lernte vier neue Sioux-Dialekte und gründete eine Aktiengesellschaft in Delaware. Am Ende dieses anstrengenden Rittes erblickte ich auf einer Anhöhe die ersten Souvenirstände eines Schoschonendorfes. Es war gerade die Zeit des Karnevals, und ich wusste sofort, dass sich der Ölprinz hier im Dorf versteckt hielt, denn sämtliche Indianer waren als Ölscheichs verkleidet, und der kommune Schuft hatte natürlich nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sich unter die Maskierten zu mischen.

 

Doch ich, Old Kletterhemd, hatte sofort eine List parat: aus Leibeskräften rief ich: "Biosprit!", denn das kann ein Ölprinz nie und nimmer ertragen. Und wahrhaftig, kaum hatte ich dieses gerufen, als sich eine der weißen Gestalten aus der Menge löste und auf den Platz am Ende des Dorfes zubewegte, wo die Pferde angebunden waren. Mit einem übermenschlichen Satz über achtzig Fuß sprang ich auf den Wüstensohn los, riss ihn zu Boden, und mit einem einzigen fürchterlichen Griff meiner stahlharten Rechten hatte ich ihn auf den Rücken gedreht, gefesselt, geknebelt, zum christlichen Glauben bekehrt und auf Gallensteine hin untersucht. Dass ich ihm nebenbei auch noch eine Polizze der Dresdner Unfallversicherung verkaufte, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.

 

Nun riss ich ihm den Burnus vom Kopf - eine Fülle goldgelber langer Haare quoll hervor: es war - Hansi Hinterseer! Wer hätte das geahnt? Wohl niemand außer mir.

 

Der Bursche legte unter dem unerträglichen Blick meiner stahlblauen Augen ein umfassendes Geständnis ab: er hatte sich in Europa mit einem gewissen Karl Moik überworfen, da dieser dem intellektuellen Niveau seiner Liedtexte nicht mehr zu folgen gewillt war, und so hatte er beschlossen, das Schaugeschäft aufzugeben und war auf der Suche nach einem ebenso schmierigen Gewerbe auf das Ölgeschäft gestoßen.

 

Dennoch: Strafe musste sein, und so brachte ich ihn nach New York und übergab ihn der Obhut eines Intendanten am Broadway, der ihn jeden Abend eine Show anzusehen zwang, was leider bereits nach wenigen Monaten zu Hinterseers vollkommener geistiger Zerrüttung führte. Das hatte ich nicht gewollt.

 

 

 

(1997)